Kurz erzählt

Marie musste täglich so viel spinnen, dass ihr das Blut schon aus den Fingern sprang. Eines Tages, als sie die blutige Spule im Brunnen abwaschen wollte, fiel sie ihr aus der Hand und hinab in den Brunnen. Die böse Stiefmutter schalt das Mädchen und befahl ihr, die Spule wieder heraufzuholen. Da stieg es in den Brunnen und kam auf eine schöne Wiese. Auf der Wiese ging es fort und kam zu einem Backofen, in dem das Brot rief: „Ach, zieh mich raus, sonst verbrenn ich!“ Das Mädchen trat herzu und holte das Brot heraus. Ebenso schüttelte es einen Apfelbaum, der es dringlich darum gebeten hatte, weil die Äpfel schon reif waren. So kam Marie zu Frau Holle. Die sprach: „Bleib bei mir! Wenn du alle Arbeit im Hause ordentlich tun willst, so soll es dir gut gehen. Gib nur acht, dass du mein Bett fleißig aufschüttelst! Die Federn müssen fliegen, dann schneit es in der Welt.“

Marie willigte ein und begab sich in Frau Holles Dienst. Sie besorgte alles zu deren Zufriedenheit. Nach einer Zeit bekam das Mädchen aber Heimweh. Da nahm Frau Holle es bei der Hand und führte es zu einem großen Tor. Das Tor ward aufgetan, und wie das Mädchen gerade unter dem Torbogen stand, fiel ein gewaltiger Goldregen auf es herab. „Das sollst du haben, weil du so fleißig gewesen bist,“ sprach Frau Holle und gab ihm auch die Spule wieder, die in den Brunnen gefallen war. Kurz darauf befand sich Marie wieder oben auf der Welt, und weil sie so mit Gold bedeckt ankam, ward sie von ihrer Stiefmutter und der Stiefschwester überaus herzlich aufgenommen.

Die Stiefmutter wollte ihrer leiblichen Tochter gerne dasselbe Glück verschaffen. Also hieß sie diese, ebenfalls in den Brunnen zu steigen. Auch die Stiefschwester kam auf die Wiese zum Backofen. Aber das Brot konnte schreien, wie es wollte, sie holte es nicht aus dem Ofen. Sie wollte sich ja die Hände nicht schmutzig machen. Auch den Apfelbaum schüttelte sie nicht, weil sie Sorge hatte, ihr könnte ein Apfel auf den Kopf fallen. Schließlich kam sie zu Frau Holle und dingte sich ihr an. Am ersten Tag tat sie sich selbst Gewalt an und bemühte sich ganz ordentlich. Sie war fleißig und folgte der Frau Holle, denn immerzu dachte sie an das viele Gold. Am zweiten Tag aber war der Eifer verflogen. Sie fing an zu faulenzen, am dritten noch mehr, und bald schon wollte sie wieder nach Hause. Frau Holle führte auch sie zu dem Tor. Als sie aber darunter stand, ward statt des Goldes ein Kessel voll Pech ausgeschüttet. „Das ist zur Belohnung deiner Dienste,“ sagte Frau Holle und schloss das Tor. Da kam die Faule heim und war ganz mit Pech bedeckt. Das Pech aber blieb fest an ihr hängen und wollte, solange sie lebte, nicht von ihr abgehen.

Gedanken zum Märchen

  • Die Tüchtigen werden belohnt, die Faulen bestraft? Ich glaube nicht, dass uns dieses Märchen davon erzählen will.
  • Ich verstehe dieses Märchen als Parabel auf das, was man allgemein als intrinsische Motivation versteht. Das, was zu tun ist, zu tun, einfach so – und in diesem „einfach so“ glücklich werden, vom Leben reich beschenkt sein.
  • Goldmarie erntet in dieser Verständnisweise also keinen externen Lohn, sondern den sich selbsterfüllenden Reichtum eines Lebens, in dem es gelingt, das Alltägliche, die kleinen und großen Hilfestellungen und Aufgaben mit Hingabe und Liebe zu tun.
  • Im Kontrast dazu erzählt sich die Geschichte der Pechmarie als Weg zum und ins Pech, auf dem die Fixierung auf materiellen Lohn, das Hadern mit jedem Handgriff, der zu tun ist, Unglück, schlechte Laune und Lebensvergiftung mit sich bringt.
  • Die Dinge mit Liebe und Hingabe zu tun bedeutet demnach eben nicht „der Dumme“ dieser Welt zu sein, sondern mit Glück beschenkt, mit sich und seiner Welt versöhnt leben zu können.
  • In dieser Perspektive schwingt die Philosophie des Buddhismus mit den Visionen der Seligpreisungen der Bergpredigt im Klang eines erfüllten Lebens mit.

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